top of page

Bindungsstörung: Warum ein Begriff noch kein Schicksal ist

  • Autorenbild: Andrea Kolmitzer
    Andrea Kolmitzer
  • 4. Juli
  • 8 Min. Lesezeit


Vielleicht kennen Sie das: Eine Beziehung beginnt vielversprechend - und zerbricht doch wieder. Oder Sie sehnen sich nach Nähe und schrecken im selben Moment zurück, sobald jemand Ihnen wirklich nahekommt. Irgendwann fällt dann ein Wort, das sich anfühlt wie ein Urteil: Bindungsstörung.


Wenn Sie diesen Begriff schon einmal über sich selbst gehört oder gelesen haben, ist dieser Beitrag für Sie. Denn so endgültig und schwer das Wort klingt: Es beschreibt kein lebenslanges Schicksal und kein Wesensmerkmal, das in Stein gemeißelt wäre. „Bindungsstörung" ist zunächst nur ein Begriff aus der Entwicklungspsychologie. Und ein Begriff ist noch kein Urteil über Ihre Fähigkeit, liebevolle und tragfähige Beziehungen zu führen.


In diesem Beitrag schauen wir gemeinsam hin: woher der Begriff stammt, was er klinisch tatsächlich meint - und was nicht -, warum gerade bei Erwachsenen so viel Verunsicherung entsteht und warum Beziehungsfähigkeit etwas ist, das sich entwickeln und verändern lässt.


Inhalt:


Was bedeutet „Bindungsstörung"? Ein Begriff aus der Entwicklungspsychologie

Der Begriff der Bindung geht auf den britischen Kinderpsychiater John Bowlby zurück, einen der Pioniere der Bindungsforschung. Er beschrieb Bindung als das gefühlsgetragene Band, das einen Menschen mit einer anderen, vertrauten Person verbindet. In den ersten Lebensjahren entsteht dieses Band in der Beziehung zu den engsten Bezugspersonen und es prägt, wie wir später Nähe erleben, Vertrauen fassen und mit Trennung umgehen.


Aus dieser Forschung stammt die Unterscheidung zwischen sicherer und unsicherer Bindung. Entscheidend ist dabei eines: Bindungsforschung beschreibt Muster - also wiederkehrende Arten, in Beziehung zu gehen. Sie beschreibt keine festen Charaktereigenschaften und schon gar kein Etikett, das ein Mensch ein Leben lang mit sich trägt. Genau an diesem Punkt beginnt das Missverständnis, das im Wort „Bindungsstörung" so oft mitschwingt.


Die klinische Diagnose: Was das ICD-10 tatsächlich meint

Es gibt tatsächlich eine medizinische Diagnose, die „Bindungsstörung" heißt. Sie steht im internationalen Klassifikationssystem ICD-10 und bezieht sich ausschließlich auf das Kindesalter. Gemeint sind Kinder, deren früheste Beziehungserfahrungen von schwerer Vernachlässigung, Misshandlung oder wiederholten Beziehungsabbrüchen geprägt waren. Fachleute unterscheiden dabei zwei Formen.


Die reaktive Bindungsstörung


Diese Form zeigt sich in einem widersprüchlichen Verhalten gegenüber den Bezugspersonen: Das Kind sucht Nähe und weist sie zugleich zurück, wirkt furchtsam, übervorsichtig oder emotional schwer erreichbar. Häufig steht sie im Zusammenhang mit anhaltender emotionaler Vernachlässigung.


Die Bindungsstörung mit Enthemmung


Hier fehlt die selektive, also auf bestimmte Vertrauenspersonen bezogene Bindung. Betroffene Kinder gehen wahllos und distanzlos auf fremde Menschen zu. Diese Form findet sich besonders häufig bei Kindern, die früh in Heimen oder unter ständig wechselnder Betreuung aufgewachsen sind.


Beide Formen beschreiben das Erleben sehr junger Kinder unter extrem belastenden Umständen. Sie gehören in die einfühlsame Begleitung durch Fachärzt:innen für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder durch Kinder- und Jugendpsychotherapeut:innen - sie sind ernst zu nehmen und behandelbar. Und sie haben mit dem, was Erwachsene meinen, wenn sie von ihrer eigenen „Bindungsstörung" sprechen, erstaunlich wenig zu tun.


„Bindungsstörung" bei Erwachsenen: Ein Begriff, den es klinisch gar nicht gibt


Hier kommt eine Tatsache, die viele überrascht: Für Erwachsene gibt es die Diagnose „Bindungsstörung" in den medizinischen Diagnosesystemen gar nicht. Wenn Fachleute über Erwachsene sprechen, deren Beziehungen immer wieder schwierig verlaufen, sprechen sie von Beziehungs- und Bindungsmustern - nicht von einer „Störung".


Was also ist gemeint, wenn jemand sagt: „Ich habe wohl eine Bindungsstörung"? Meist geht es um wiederkehrende Erfahrungen wie diese: Beziehungen, die nach kurzer Zeit zerbrechen. Eine Sehnsucht nach Nähe, die kippt, sobald es ernst wird. Das Gefühl, nie den passenden Menschen zu finden oder sich gerade zu denen hingezogen zu fühlen, die emotional nicht erreichbar sind. Eng verwandt damit ist das Phänomen der Bindungsangst: der Wunsch nach Nähe bei gleichzeitiger Angst davor. 


Der Begriff „Bindungsstörung" stammt für Erwachsene also nicht aus der medizinischen Diagnostik, sondern aus Ratgeberliteratur und dem Internet. Dort wird er oft großzügig und pauschal verwendet und genau das macht ihn so problematisch. Wenn Sie sich in den beschriebenen Mustern wiedererkennen, heißt das nicht, dass mit Ihnen etwas „nicht stimmt". Es heißt, dass Sie bestimmte Arten gelernt haben, sich in Beziehungen zu schützen.


Kritik am Störungsbegriff: Warum „gestört" der falsche Rahmen ist


Als personzentriert arbeitende Beraterin gehe ich mit dem Wort “Störung” vorsichtig um. Es klingt nach einem Defekt, nach etwas Endgültigem, nach einem Fehler, der in einem Menschen sitzt und ihn dauerhaft kennzeichnet. Diese Lesart halte ich für irreführend und nicht selten für schädlich.


Im personzentrierte Ansatz richten wir den Blick nicht auf Defizite, sondern auf Potenziale. Wir gehen davon aus, dass jeder Mensch die Fähigkeit zu Entwicklung und Wachstum von vorn herein in sich trägt. Ein Verhalten, das heute hinderlich erscheint, hatte fast immer einmal einen guten Grund. Wer als Kind gelernt hat, dass Nähe unsicher ist oder enttäuscht, entwickelt verständlicherweise Strategien, um sich zu schützen. Was später als „Bindungsstörung" abgewertet wird, ist häufig nichts anderes als eine solche, einst sinnvolle Schutzstrategie.


Deshalb wende ich mich auch gegen die allzu einfachen Erklärungsmodelle, die in der Rede über Bindung so verbreitet sind. Die Vorstellung „schwierige Kindheit, also für immer beziehungsunfähig" greift viel zu kurz. Menschen sind keine Maschinen, bei denen ein frühes Ereignis ein festes, unveränderliches Ergebnis produziert. Wir sind in Beziehung gewachsen und in Beziehung können wir uns auch weiterentwickeln.


Hier unterscheidet sich mein Zugang von Ansätzen, die vor allem das „Symptom" in den Blick nehmen und es korrigieren wollen, wie es etwa stärker verhaltenstherapeutisch ausgerichtete Verfahren tun. Solche Wege haben durchaus ihre Berechtigung und helfen vielen Menschen. Mir persönlich geht es jedoch weniger darum, ein Verhalten „wegzutrainieren", als den ganzen Menschen in seinem Kontext zu verstehen - mit seiner Geschichte, seinen Bedürfnissen und seinen eigenen Wegen zur Veränderung.


Bindungsmuster sind veränderbar - keine lebenslange Festlegung


Wenn Bindungsmuster erlernt sind, dann sind sie auch veränderbar. Das ist keine bloße Ermutigung, sondern entspricht dem, was die Bindungsforschung selbst zeigt: Menschen können im Lauf ihres Lebens eine sicherere Art zu binden entwickeln - auch dann, wenn ihre frühen Erfahrungen schwierig waren. In der Fachsprache wird das manchmal „erworbene Sicherheit" genannt.


Veränderung entsteht dabei vor allem durch neue, korrigierende Erfahrungen: durch Beziehungen, in denen sich die alte Erwartung („Nähe ist gefährlich", „ich werde ohnehin verlassen") nicht bestätigt. Solche Erfahrungen lassen sich nicht erzwingen, aber sie lassen sich anbahnen - im Alltag, in tragfähigen Freundschaften und Beziehungen und, wo es hilfreich ist, in einer begleitenden Beratung oder in der Psychotherapie. Es geht dabei nicht darum, einen Menschen zu „reparieren", sondern darum, ihm Raum zu geben, behutsam neue Wege auszuprobieren.


Beziehung ist ein Zusammenspiel - niemand trägt allein die Verantwortung


Es gibt einen Gedanken, der mir besonders wichtig ist und der in der Rede von der „Bindungsstörung" fast immer untergeht: Ob eine Beziehung gelingt, hängt selten nur an einer Person.


Eine Beziehung ist ein Zusammenspiel. Ob sie trägt, hängt von vielen Faktoren ab: vom Verhalten beider Beteiligter, von der Lebenssituation, von äußeren Belastungen, von sozialen Bedingungen, Rollenerwartungen und manchmal auch von ungleichen Machtverhältnissen. Belastungen und Konflikte entstehen eben nicht nur im Inneren eines Menschen - sie sind eng mit dem Umfeld verwoben, in dem zwei Menschen einander begegnen.


Deshalb ist es weder fair noch zutreffend, die Verantwortung für wiederkehrende Beziehungsprobleme einer Person zuzuschreiben - ausgerechnet jener, die das Etikett „bindungsgestört" trägt. Wer so denkt, sucht den „Fehler" bei einem Menschen und übersieht das Eigentliche: das, was sich zwischen zwei Menschen abspielt. Genau diese Verschiebung der Perspektive - weg von der Schuldfrage, hin zum Beziehungserleben - ist oft der erste entlastende Schritt.


Wege aus festgefahrenen Mustern


Wenn Beziehungen immer wieder an dieselbe Grenze stoßen, gibt es Wege, das zu verändern. Sie beginnen meist damit, die eigenen Muster besser zu verstehen: Welche Bedürfnisse melden sich? Wo liegen die eigenen Grenzen? An welcher Stelle wird es eng? Aus diesem Verstehen heraus lässt sich Schritt für Schritt etwas Neues gestalten.


Einzelberatung: die eigenen Muster verstehen


In der Einzelberatung schaffen wir einen sicheren, wertschätzenden Raum, in dem Sie sich Ihren eigenen Themen behutsam annähern können. Sie sind die Expertin oder der Experte für Ihr Leben - meine Rolle ist es, gemeinsam mit Ihnen zu explorieren, was Sie wirklich wollen, was dabei im Weg steht und welche Lösung gerade für Sie stimmig ist. Schritt für Schritt, hin zu mehr Selbstvertrauen und stabileren Beziehungen.


Paarberatung: das Zusammenspiel gemeinsam betrachten


Oft ist es hilfreich, genau dort hinzuschauen, wo die Schwierigkeiten entstehen - in der Beziehung selbst. In der Paarberatung fragen wir nicht, wer „schuld" ist oder wer „repariert" werden muss. Wir schauen auf das, was zwischen Ihnen geschieht: auf die Muster, die Sie beide gemeinsam herstellen, auf unausgesprochene Erwartungen und auf die Bedürfnisse, die hinter Konflikten stehen. So entsteht Raum, einander neu zu verstehen und andere, tragfähigere Wege des Miteinanders zu entwickeln. Gerade wenn sich eine Person in der Beziehung „bindungsgestört" fühlt, entlastet dieser gemeinsame Blick beide Seiten spürbar.


Wann professionelle Unterstützung sinnvoll ist


Nicht jede schwierige Phase und nicht jede beendete Beziehung braucht professionelle Begleitung. Vieles können Menschen aus eigener Kraft und mit der Zeit gut bewältigen. Sinnvoll wird Unterstützung dann, wenn die immer gleichen Muster über längere Zeit echtes Leid verursachen - wenn sie Ihre Beziehungen, Ihr Wohlbefinden und Ihre Lebensqualität spürbar beeinträchtigen. Dann lohnt es sich, nicht allein zu bleiben.


Ein wichtiger Hinweis betrifft Kinder: Falls Sie bei einem Kind die weiter oben beschriebenen Anzeichen beobachten, ist eine fachärztliche oder kinder- und jugendpsychotherapeutische Abklärung der richtige Weg. Kindliche Bindungsstörungen sind ernst zu nehmen und sie sind behandelbar.




Ein Begriff - kein Urteil über Ihre Beziehungsfähigkeit


Halten wir fest: „Bindungsstörung" ist ein Begriff aus der Entwicklungspsychologie. Als klinische Diagnose betrifft er das Kindesalter; für Erwachsene ist er keine medizinische Diagnose, sondern eine oft pathologisierende Umschreibung für erlernte Beziehungsmuster. Diese Muster sind kein lebenslanges Stigma und kein Schicksal - sie sind veränderbar. Und ob eine Beziehung gelingt, hängt immer von beiden ab, nie nur von einem Menschen allein.


Wenn Sie das Gefühl haben, in Beziehungen immer wieder an dieselbe Grenze zu stoßen, müssen Sie damit nicht allein bleiben. In einem kostenfreien Erstgespräch können wir unverbindlich schauen, was Ihnen guttun würde - ob in der Einzelberatung oder gemeinsam als Paar. Online oder vor Ort in Wien.




Häufige Fragen zur Bindungsstörung


Was versteht man unter einer Bindungsstörung?


„Bindungsstörung" ist ein Begriff aus der Entwicklungspsychologie. Als klinische Diagnose bezeichnet er ein Beziehungsmuster im Kindesalter, das durch schwere frühe Vernachlässigung oder Traumatisierung entsteht. Für Erwachsene ist der Begriff keine medizinische Diagnose, sondern beschreibt umgangssprachlich wiederkehrende Schwierigkeiten, sich auf Nähe einzulassen.


Wie macht sich eine Bindungsstörung bemerkbar?


Bei Kindern zeigt sie sich in widersprüchlichem Bindungsverhalten - etwa starkem Rückzug oder wahllos distanzlosem Kontakt. Bei Erwachsenen ist meist etwas anderes gemeint: wiederkehrende Beziehungsabbrüche und ein Hin und Her zwischen Nähewunsch und Rückzug. Fachlich spricht man hier von Bindungsmustern, nicht von einer Störung.


Welche Formen der Bindungsstörung gibt es?


Klinisch unterscheidet man im Kindesalter zwei Formen: die reaktive Bindungsstörung (gehemmt, zurückgezogen) und die Bindungsstörung mit Enthemmung (wahllos distanzlos). Bei Erwachsenen spricht man stattdessen von Bindungstypen oder Bindungsmustern, etwa sicher oder unsicher.


In welchem Alter entsteht eine Bindungsstörung?


Die klinische Diagnose bezieht sich auf die frühe Kindheit, meist die ersten Lebensjahre. Bei Erwachsenen gibt es keine solche Diagnose - hier geht es um erlernte Beziehungsmuster, die sich im Lauf des Lebens auch wieder verändern lassen.


Kann man eine Bindungsstörung bei Erwachsenen diagnostizieren?


Nein. In den medizinischen Diagnosesystemen existiert für Erwachsene keine Diagnose „Bindungsstörung". Fachleute sprechen von problematischen Beziehungs- und Bindungsmustern, die sich gut bearbeiten lassen.


Was ist der Unterschied zwischen Bindungsstörung und Bindungsangst?


„Bindungsstörung" wird oft als pauschales Etikett verwendet. Bindungsangst beschreibt konkreter den Wunsch nach Nähe bei gleichzeitiger Angst davor. Beides sind für Erwachsene keine festen Diagnosen, sondern veränderbare Muster.


Ist eine Bindungsstörung heilbar?


Die Frage nach „Heilung" führt in die Irre, weil es sich nicht um eine Krankheit im engeren Sinn handelt. Bindungsmuster sind erlernt und damit veränderbar. Mit Begleitung und neuen Beziehungserfahrungen kann sich eine sicherere Art zu binden entwickeln.


Was kann ich tun, wenn meine Beziehungsperson sich nicht binden kann?


Hilfreich ist, das Thema als gemeinsames zu verstehen und nicht als Fehler einer Person. In einer Paarberatung lässt sich das Zusammenspiel in Ruhe anschauen und Schritt für Schritt verändern - das entlastet beide.


 
 
bottom of page